Aussteigen / Umsteigen - Rezension

Wege zwischen Job und Berufung

Erneut habe ich das Angebot des Zytglogge Verlags angenommen und diesmal das Buch Aussteigen - Umsteigen von Mathias Morgenthaler und Marco Zaugg kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen. Herzlichen Dank für diese Möglichkeit! Hier nun meine Gedanken und Bewertungen nach dem Lesen des Buches.

Zunächst einmal: Was für ein Titel! Das Thema Berufung finden passt genau zu dem aktuellen Fokus des Many Choices Blogs und meinen eigenen Gedanken zum Thema Umsetzung von Zielen. Die Beschreibung lässt jedenfalls schon einmal hoffen, dass es Anleitungen zur Selbstfindung und zur Umsetzung der eigenen Berufung gibt. Ich bin also gespannt, um welche Inhalte es konkret gehen wird.

Thema des Buches

Das Vorwort zur Neuauflage verspricht eine Auseinandersetzung mit einer Fragestellung, mit der ich mich auch schon oft beschäftigt habe:

Ist die Suche nach einer beruflichen Neuausrichtung [vor dem Hintergrund von Pandemien und anderer schwerwiegender Herausforderungen in Europa] nicht ein Luxusproblem? Sollten wir nicht einfach dankbar sein, wenn wir Arbeit und ein geregeltes Einkommen haben, statt uns mit Sinnfragen zu quälen?

Mit dem Verweis darauf, dass unsere Arbeit einen großen Teil unserer Lebenszeit bestimmt und wir inspiriert, begeistert und angespornt statt gestresst, verdrossen und krank werden wollen, macht die Beschäftigung mit dem Thema der eigenen Berufung aber doch sehr viel Sinn. Die Autoren sprechen sich dafür aus, auch in bewegten Zeiten offen zu sein für Neues und durch Einfühlen in die eigene Persönlichkeit seine Berufung zu finden.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um die psychologischen Hintergründe zum Umgang mit Veränderung, im zweiten Teil finden sich einige Interviews mit Menschen, die selbst erfolgreich berufliche Neuausrichtungen umgesetzt haben und im dritten Teil werden dann konkrete Ansätze für die eigene Auseinandersetzung mit dem Berufswunsch aufgezeigt.

Teil 1: Zeit, etwas Neues zu beginnen

Zu Beginn des ersten Teils wird uns direkt eine Befürchtung genommen: Du benötigst noch keinen Plan oder ein klares Ziel! Das ist schon einmal beruhigend, es müssen also noch nicht sämtliche Schritte feststehen, wenn Du Dir Gedanken zu Deiner Berufung machst.
Zugleich dann auch der Lichtblick: Sobald Du erstmal losgelegt hast, gewinnst Du eine klarere Sicht auf die Dinge und nimmst neue Möglichkeiten wahr.

Bei Veränderungen hilft Theorie nur bedingt weiter. Man kann am Beckenrand noch so viele Bücher übers Schwimmen lesen - irgendwann muss man ins kalte Wasser springen, sonst lernt man es nie.

Bei beruflichen Neuausrichtungen ist es meistens schwierig, das Ziel vor Augen zu behalten, wenn man sich in einem Zwischenzustand befindet, das Alte noch nicht komplett hinter sich gelassen hat und das Neue noch nicht vollständig etabliert ist. An dieser Stelle ist Resilienz wichtig und hierauf wird in dem Buch "Aussteigen / Umsteigen” an verschiedenen Stellen eingegangen: der professioneller Umgang mit Rückschlägen oder Niederlagen.

Wie Veränderungen in der Psyche ablaufen, beschreiben die Autoren mit dem Zimmer der Veränderung. Ich kenne diesen Ansatz unter der etwas mondäner anmutenden „Change Curve“. Allerdings ist das Durchschreiten der Zimmer, zum Teil über Einbahnstraßen und zum Teil über Drehtüren, mit denen auch das vorherige Zimmer wieder erreicht werden kann, recht plastisch. Folgende Phase (“Zimmer”) der Bewältigung von Veränderung werden benannt:

  1. Zimmer: Zufriedenheit

  2. Zimmer: Verleugnung

  3. Zimmer: Verwirrung

  4. Erneuerung

Die Erläuterung der Autoren zu den einzelnen Zimmern ist sehr hilfreich für das eigene Hinterfragen von Reaktionen in Bezug auf - angedachten oder gelebte - Veränderung. Es wird deutlich, dass wir Abschied nehmen sollten von dem Bestreben, alles zu managen. Stattdessen: das Tempo drosseln, den Blick nach innen richten und Neues wahrnehmen. Es gibt also nur den Weg, sich Zeit zu nehmen und nicht auf Basis von Impulsen Entscheidungen herbeizuführen.

Wenn wir nun also den Grund für unsere Angst vor Veränderung kennen, wird in dem Buch als nächster Schritt empfohlen, die eigenen Ängste wahrzunehmen und konkret zu benennen. Um diese - meist nur in unseren Köpfen und nicht real existierenden - Barrieren schlussendlich überwinden zu können, ist das eigene Erleben, die eigene Erfahrung essentiell.

“Wachstum und Entwicklung finden im Grenzbereich statt, dort, wo wir weder vor unseren Ängsten fliehen noch sie zu ignorieren und überspringen versuchen, sondern uns ihnen behutsam annähern.”

Für diesen Schritt beschreiben die Autoren die innere Auseinandersetzung mit der Angst vor Ablehnung, wenn in Veränderungsphasen neue Wege beschritten werden. Auch hier werden einige Ansätze genannt, die voraussetzen, deutlicher in sich hineinzuhorchen. Bei den Überlegungen spiele auch das Thema der Neuausrichtung der Finanzen eine Rolle. Ein stark ausgeprägtes Sicherheitsstreben sei der größte Feind des Neuen.

Wann ist der richtige Moment für eine berufliche Veränderung gekommen? Oftmals drängt sich der Gedanke “wenn erst einmal dieses oder jenes eingetreten ist, dann kann ich meine Planung in die Tat umsetzen” auf. Dass es sich dabei um einen Trugschluss handelt, wird uns ganz objektiv betrachtet wohl schon von alleine klar. Es geht darum, den Blick nach innen zu richten und seinen eigenen Weg zu erkennen. Und dann den Druck herauszunehmen, da Veränderungsprozesse nicht über einen radikalen Bruch sondern in kleinen Schritten erfolgen sollten.

Teil 2: Interviews und Porträts

Es folgt ein Abschnitt mit Interviews und Porträts schweizerischer Persönlichkeiten. Diesen Teil nehme ich durchwachsen wahr. Einige Geschichten der Menschen und ihrer persönlichen Veränderung sind sehr inspirierend. Dennoch kann ich mich nicht in allen Berichten wiederfinden, dies ist vermutlich auch gar nicht der Anspruch, aber bei einzelnen Passagen frage ich mich auch, wieso sie überhaupt zu dem Titel des Buches passen sollen.

Dennoch entsteht durch die Interviews insgesamt ein Gefühl der Veränderung, des Aufbruchs. Es macht zudem sehr viel Freude, zu lesen, wie die einzelnen Personen ihren Lebenstraum verwirklicht haben. Definitiv stelle ich fest, dass Autobiografien bei mir mehr Interesse wecken, als ich es bisher angenommen habe.

Folgende Punkte und Aussagen bleiben mir nachhaltig im Gedächtnis:

  • Dorothea Assig und Dorothee Echter, Topmanagement-Beraterinnen, benennen die folgenden fünf Kompetenzen als entscheidend für Erfolg im Beruf:

    • Ambition wachsen lassen - den eigenen Antrieb hinterfragen, geht es darum, etwas zu bekommen, oder etwas in die Welt zu bringen?

    • Können entwickeln

    • Psyche stabilisieren - Emotionen regulieren und positive Glaubenssätze aufbauen

    • Positive Resonanz erzeugen

    • Eigene Bühne gestalten - es gibt nicht die perfekte Bühne für den eigenen Erfolg, diese muss selbst geschaffen werden

  • Bobby Dekeyser, ehemaliger Torhüter beim FC Bayern München: „Meine Hauptaufgabe ist, jungen Menschen Mut zu machen. Sie sollen auf ihre Sehnsucht hören und sich nicht verbiegen lassen. Heute gibt es so viel Manipulation, Verführung, Ablenkung - es ist schwierig geworden, Stille zu erleben, gemeinsam etwas aufzubauen und Freundschaften zu pflegen.“

  • Angelina Seifert, Spitex-Gründerin: Niemand sollte sich vor der Angst vor Fehlern bremsen lassen. Es ist okay, etwas Neues zu wagen und damit keinen Erfolgt zu haben. Du musst nicht alles alleine schaffen, Du darfst um Hilfe bitten.

Teil 3: Übungen und Tipps für die ersten Schritte

Der dritte Teil beginnt mit Tipps für mehr Achtsamkeit im Alltag. Die Grundlage einer Veränderung soll eine Selbsteinschätzung der eigenen beruflichen Situation sein. Dann empfehlen die Autoren, kleine Schritte zur Umsetzung anzugehen. Diesem Ansatz kann ich nur zustimmen, da es meistens darum geht, einfach irgendwo anzufangen, um auf lange Sicht etwas zu ändern.

Ich habe einige der in dem Buch beschriebenen Übungen selbst durchgeführt. Die Ergebnisse aus dem selbst Erarbeiteten machen mir bewusst, worauf ich mich konzentrieren will. Die eigenen Einstellungen und Grenzen werden mit Hilfe der Aufgaben sehr gut ausgelotet.

Die Autoren fordern dazu auf, durch erste Schritte vom mentalen Denken ins konkrete Erleben, Fühlen, Sehen zu kommen. Es soll ein Prototyp der eigenen Idee entwickelt werden. Es geht zum Beispiel darum, Kontakt zu Personen aufzunehmen, die bereits in dem vorgesehenen Bereich tätig sind, zu recherchieren, ein Praktikum zu machen, sich an Freunden auszuprobieren oder Ähnliches, das zu einem ersten Erleben beiträgt. 

Aufkommende Bedenken sollst Du dabei nicht ignorieren oder ihnen zu viel Raum geben. Sie sollten vielmehr niedergeschrieben und diese Liste später angegangen werden. Bei weiterer Unsicherheit oder Aufschieben aus Angst vor dem Unbekannten verweist das Buch sogar auf Tim Ferriss und die von mir bereits beschriebenen Schritte.

Eine erste Hilfe bei Stresssituationen wird mit dem Zürcher Ressourcen Modell (“ZRM”) besprochen:

  1. Wahrnehmen - zunächst solltest Du Dir bewusst machen, dass Du Dich in dem bestimmten Moment gestresst fühlst.

  2. Stop - versuche an dieser Stelle, Deine üblichen Handlungsimpule zu unterdrücken und lege eine Pause ein, in der Du einfach nur ruhig atmest.

  3. Ressourcen - überlege Dir, welche weiteren Optionen es neben Deinem ersten Handlungsimpuls noch gibt. Nimm Dir die Zeit, die Du brauchst.

Fazit

Ein wundervolles Buch, das meiner Meinung nach viel zu unauffällig daherkommt! Dies liegt zum einen an der grau-schwarz-weiß gestalteten Aufmachung, gerade bei den vielen Fotos fehlt die Farbe doch sehr. Zum anderen ist das Buch - zum großen Lesevergnügen - wenig reißerisch, die Übungen und Empfehlungen werden nicht als das Allheilmittel zur beruflichen Selbstfindung dargestellt, sondern kommen leise und vorsichtig daher.
Die Autoren machen Mut, die eigene berufliche Situation zu überdenken, ohne mahnend in die ein oder andere Richtung zu weisen. Es sind kleine Gedankenanstöße, die gesetzt werden, Geschichten über Menschen, die ihren Traum verwirklicht haben und kleine Anstupser dahin, selbst aktiv bei der Verwirklichung von Zielen und Träumen zu werden. Das Buch regt dazu an, in sich hineinzuhorchen und Verantwortung für das eigene Leben in die Hand zu nehmen.

Es wird kein bahnbrechendes neues System vorgeschlagen, aber das Lesen dieses Buches, die Anregungen und Übungen darin ersetzen auf jeden Fall 3-5 Stunden bei einem teuren Coach! Es ist eine wunderbare Hilfestellung für die Arbeit, die jeder für sich selbst vornehmen muss bei Ermittlung der Antwort auf die Frage nach der eigenen Berufung.

 

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