Hund auf Zeit

Ich sitze mit meinem Feierabendkaffee auf der Couch, gemütlich in eine Wolldecke gehüllt. Draußen ist es feucht und grau, November. Erledigt vom Arbeitstag möchte ich einfach die Füße hochlegen und entspannen. Zwei dunkle Kulleraugen starren mich auffordernd an, was ich geflissentlich übersehe. Nein, ich will jetzt nicht da raus, es ist so gemütlich hier. Flora hebt das Halsband auf und wirft es mir so lange vor die Füße bis ich einsehe, erst entspannen zu können, wenn der Hund draußen war. Seufzend stelle ich meinen Kaffee beiseite und ziehe dick eingepackt erneut mit ihr los.

Seit knapp zwei Wochen haben wir Flora, eine reizende, zweijährige Labradorhündin, zu Gast. Ihre Besitzerin, Anne, Oles Mutter ist wegen Corona in Quarantäne und darf nicht mit ihr spazieren gehen. Letzte Woche Samstag hat Ole sie abgeholt und nach Ossum gebracht. Bevor Anne Flora angeschafft hat, hat sie uns gefragt, ob wir den Hund übernehmen würden, falls sie sich nicht mehr um ihn kümmern kann. Nach kurzer Beratung gaben wir ihr unser Versprechen.

Ich kann mich noch sehr gut an unseren ersten Dackel erinnern. Wir bekamen Bianca als ich zwei Jahre alt war und sie begleitete mich von Kindheit bis Jugend. Sie war eine eigenwillige aber total niedliche Rauhaar-Dackeldame und hat unsere Familie auf Trapp gehalten. Es hat sich angefühlt, als wäre ein Familienmitglied verstorben, als sie mit 14 eingeschläfert wurde. Wir vermissten ihr Tapsen auf den Fliesen, ihre Anwesenheit, und ich war froh, dass meine Eltern entschieden, einen neuen Dackel zu holen. Auch Ole ist mit Hunden aufgewachsen, zunächst gleichfalls mit Dackeln, später mit größeren Hunden. Weder Ole noch ich hatten einen Hund nachdem wir von zu Hause ausgezogen sind, jedoch habe ich immer wieder darüber nachgedacht, irgendwann wieder einen zu haben.

Alles ist anders

Nun ist Flora also bei uns und bestimmt von jetzt auf gleich den Tagesablauf. Frühstück gibt’s gegen halb 8, danach wird erst einmal 30-40 Minuten ausgeruht, bevor wir eine kleine Runde drehen. Während sie verdaut, erledige ich die ersten To dos auf der Arbeit. Glücklicherweise arbeite ich seit knapp zwei Jahren Dank Corona vier Tage pro Woche von zu Hause und muss nicht zwingend ins Büro. Nach einem kleinen Spaziergang am Morgen schläft sie friedlich auf ihrer Decke im Wohnzimmer, derweil ich in Ruhe meinen Aufgaben nachkomme. Ab und zu kommt sie angedackelt, stubst mich an und möchte spielen oder kuscheln. Zwischen zwei Telefonaten bleibt immer Zeit, ihr Spielzeug zu verstecken und sie danach suchen zu lassen. Das macht sie sehr gern und sehr gut.

Gegen 12 Uhr bin ich hungrig und würde mir normalerweise etwas zu essen machen, aber Flora schaut mich schwanzwedelnd und erwartungsvoll an, springt umher. Mein Mittagessen muss wohl warten. Am Dienstag, der ersten Mittagspausen-Runde, unterschätze ich, wie viel länger man mit einem Vierbeiner für die kurze Waldrunde im Herrenbusch benötigt als allein. Nach gut 50 Minuten sind wir zurück und ich stelle entsetzt fest, dass unser Team-Meeting bereits begonnen hat. 12:45 ist aber auch eine gemeine Startzeit für ein Meeting! Im Anschluss gönne ich mir endlich einen Happen, denn mein Magen hängt mittlerweile in den Knien.

Schlammbad am Nachmittag

Am Nachmittag ist Ole dran mit Gassi-Gehen, wenn er von der Arbeit zurück ist. Dies sieht Flora am Donnerstag jedoch anders und bringt mir ihr Halsband. Nein, denke ich, ich war doch schon zwei Mal heute, Ole ist dran! Lange kann ich ihrem erwartungsvollen Blick jedoch nicht widerstehen und ziehe mich warm an.

Wir gehen nicht wieder in den Wald, sondern in die Felder und treffen zwei Hunde, die nicht angeleint sind. Welch eine Freude! Mit unbändiger Kraft pesen die drei über die Felder, spielen oder jagen einem Stock hinterher. Ich beobachte fasziniert, wie schnell und kraftvoll Flora rennen kann. Der schwarze Hund zieht mit seinem Herrchen weiter, während Flora und ich den Weg mit Sonja, einer knapp zweijährigen Dobro Argentino Hündin, samt Herrchen weitergehen. Wir unterhalten uns über die Vierbeiner, aber auch die Eigenarten und Reaktionen der Spaziergänger, denen man so begegnet. Sonja liebt Pfützen und badet gern darin. Zwei Mal kann ich Flora davon abhalten, bevor sie es in der dritten Schlammpfütze Sonja gleichtut und sich ausgiebig darin wälzt. Ich fühle mich an ein Wildschwein erinnert. Die schöne hellbraune Labradorhündin ist nun pitschnass und bis zum Bauch mit einem Schlammrand versehen, sieht aber glücklich aus. Ich fühle mich gleich besser und bin auch nicht mehr so k.o wie zuvor auf der Couch. Bei unserer Rückkehr ist Ole glücklicherweise daheim und reibt Flora mit einem Handtuch ab, bevor sie ins Innere darf.

Prinzessin der Decken

Abendessen gibt es gegen 17:30. Sie bekommt das gleiche wie am Morgen, in Wasser aufgeweichtes Trockenfutter mit einem Löffel Kennerfleisch. Der Napf ist in wenigen Minuten blitzblank und sie poltert damit lautstark umher. Am Abend gehen Ole oder ich noch ein, zwei Mal mit ihr kurz ins Feld. Wie praktisch für uns, dass wir auf dem Land wohnen. Die Nacht verbringt Flora auf ihrer grauen Kuscheldecke. Ich hatte ihr zunächst noch meine Pferdedecke aus warmen Fleece gegeben, weil unser Boden recht fußkalt ist. Da sie jedoch gern an ihren Decken rüttelt und schüttelt, war mir die Pferdedecke zu schade und ich habe sie beiseite gelegt. Ich war sehr überrascht und musste schmunzeln, als Flora sich die Decke einfach zurückgeholt und wieder zu ihrer grauen Decke gelegt hat. Darauf hin habe ich die Decke ganz weggeräumt und ihr eine andere gegeben, was mir sehr vorwurfsvolle Blicke eingebracht hat. In der nächsten Nacht hat sie sich unsere Decke von der Couch gemopst und vereinnahmt.

Ein zwiegespaltener Abschied

Heute geht Flora zurück zu Anne. Ich hege gemischte Gefühle, denn unser Gasthund ist ein wunderbares Tier. Sanftmütig, verspielt und verschmust und gut kompatibel mit anderen Hunden. Die täglichen Spaziergänge mit ihr tun uns sehr gut und wir lachen viel über ihre komischen Aktionen. Es macht Spaß, mit ihr zu spielen, sie ihr Spielzeug suchen zu lassen und es tut gut mit ihr zu kuscheln. Eigentlich muss man sich nur kurz aufraffen und mit dem Hund rausgehen, um selbst frische Luft, Bewegung und soziale Kontakte zu haben. Hundebesitzer sind zumeist freundlich und aufgeschlossene Menschen, man kommt sofort ins Gespräch. Aber es gibt auch Aspekte, die mich stören, wie zum Beispiel die Notwenigkeit, täglich zu staubsaugen, da der Boden im Nu mit Hundehaaren übersät ist. Auch an unserer Kleidung setzen sie sich hartnäckig fest. Unser heller Weichholzboden ist nicht für einen schweren Hund mit Krallen geeignet. Flora hinterlässt Spuren, sobald sie sich nur genüsslich streckt. Das macht sie sehr gewissenhaft nach dem Aufstehen oder längeren Ruhephasen. Es gibt Augenblicke da möchte ich einfach nur meine Ruhe haben, der Hund aber spielen oder Aufmerksamkeit haben. Jeder von uns ist mit Spielen, Spazieren gehen, Kuscheln und weitere Aktivitäten mit Flora ca. 2-3 Stunden pro Tag beschäftigt.

Insgesamt eine riesige Umstellung zu dem „Aufwand“ der uns der Hofkater bereitet. Als Freigänger holt er sich ab und an Brekkies, Spiel- und Schmuseeinheiten ab, bevor er seines Weges zieht. In letzter Zeit haben wir ihn leider selten gesehen, da ihm die große und lebhafte Hündin Angst macht. Dieser Probelauf mit Flora ist sehr lehrreich und bringt mich zu der Erkenntnis, dass ich aktuell keinen eigenen Hund haben möchte. Der Gedanke, 365 Tage im Jahr mehrmals pro Tag spazieren gehen zu müssen, egal bei welchem Wetter, schreckt mich ab. Es gibt keinen Freifahrtschein im Bett zu bleiben oder die Aussicht, dass der Hund irgendwann alleine Gassi geht. In der Hoffnung, dass Corona uns irgendwann wieder in die Normalität entlässt, möchte ich nicht durch einen Hund täglich gebunden sein, bzw. ein schlechtes Gewissen haben müssen, ihn irgendwo unterzubringen. Anne darf Flora natürlich jeder Zeit bei uns unterbringen, es war sehr schön mit ihr und sie ist immer willkommen.

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