Kreativität braucht Muße

Unser Blog handelt so oft vom Kreativ-Sein, gibt Ratschläge was man tun kann und soll Impulse für die Entdeckung der eigenen Kreativität geben. Aktuell befinde ich mich jedoch selbst in einem Kreativitätsloch und kann mich nicht aufraffen irgendetwas zu tun. Mir ist weder danach ein Bild zu malen noch fällt mir gerade irgendein Medium ein, mit dem ich etwas gestalten möchte. Mir fehlt sogar die Motivation ein Buch zu lesen und womöglich daraus neue Ideen zu schöpfen. Die dunkle Jahreszeit bringt bei mir oft eine gewisse Schläfrigkeit bzw. Antriebslosigkeit mit sich.

Ich habe Zeit, denn es gibt keine dringlichen ToDos, die Steuererklärung ist eingereicht, wenn auch sehr spät dieses Jahr. Erste Ideen für Weihnachtsgeschenke habe ich auch gesammelt und noch ist auch Zeit sie umzusetzen. Sogar die Hausarbeiten sind vorerst getan. Ich sitze in unserem Wohnzimmer auf der Couch und mache nichts, außer darüber nachzudenken, ob das jetzt eigentlich so schlimm ist, nichts zu tun.

Faulheit oder Muße?

Das Idealbild von mir selber sitzt natürlich nicht einfach untätig, womöglich sogar faul herum. Es nutzt die Freizeit sich Zeit für Freunde zu nehmen, Sport zu machen, zu malen und zu gestalten, kreativ zu sein und sich zu entfalten aber auch die Pflichten zu erledigen, wie den obligatorischen Haushalt. Alleine und untätig auf der Couch zu sitzen klingt jetzt nicht gerade nach freier Entfaltung oder Fortschritt und fühlt sich zunächst auch nicht gut an.

Ich frage mich, ob nun der Zeitpunkt ist unsere Beiträge zu lesen, um mich inspirieren zu lassen, oder ob ich einfach diesen Augenblick untätig vertue ohne mich dabei schlecht zu fühlen oder mir selber aufzuerlegen permanent kreativ zu sein. Ich mache tatsächlich ja auch nicht nichts, sondern grüble nach. Ich horche in mich hinein und versuche herauszufinden, wonach mir der Sinn steht. Mir fällt dazu die Kunst des Müßiggangs ein, ohne den Inhalt des Buches von Hermann Hesse zu kennen. Übe ich mich gerade in Muße? Neugierig geworden google ich Muße und finde unter vielen Treffern einen spannenden Artikel. https://www.deutschlandfunk.de/forschungsprojekt-zur-musse-die-kunst-die-gedanken-fliegen-100.html

Im Forschungsprojekt „Muße. Konzepte, Räume und Figuren“ der Universität Freiburg wird die Muße interdisziplinär untersucht. Ich lese den Artikel und fühle mich gleich viel besser. Bereits Archimedes und Aristoteles befassten sich mit der Muße und ihren positiven Auswirkungen auf den Menschen und seine Gesundheit. So kommen gute Ideen gern vorm Einschlafen oder beim Besuch des stillen Örtchens, in Momenten wo wir gar keinen Reizen ausgesetzt sind und einfach in uns rein spüren. Es kommen jedoch nicht nur gute Ideen, sondern wichtige Erkenntnisse über das eigene Empfinden und die eignen Wünsche. Wunderbar, Muße klingt auch schon direkt viel besser als Faulsein oder Nichtstun!

Allerdings bemerken die Forscher, dass unsere neuen Medien heute nicht das Innehalten trainieren sondern, was uns die modernen Kommunikationsmedien trainieren sei das Go, die schnelle Reaktion. „Die verführen uns in einen Modus zu kommen, der uns zu Reiz-Reaktions-Maschinen macht und, wo wir nicht mehr innehalten, und nicht mehr zu uns kommen, in dem Sinne, dass wir auf uns schauen, wie von außen auf uns schauen und uns im Innehalten überlegen, was jetzt das ist, was wir wirklich wollen, sondern wir werden fremdgesteuert durch diese Reizflut.“ Es erscheint mir plausibel, dass unsere reizüberflutete Umwelt uns das Müßigsein verlernen lässt. Ich merke es ja an mir selber. Beim Kaffee am Morgen schaue ich bereits Emails und andere Nachrichten durch und spiele eine Runde Skat auf dem Handy. Es sind auch Emails, die meinen Arbeitsalltag dominieren. Ich klicke sie an, überfliege den Inhalt, beantworte sie umgehend oder markiere sie für später.

Nach Feierabend schnappe ich mir wieder mein Handy und schaue nach, ob private Nachrichten eingegangen sind oder beantwortet werden müssen. An dieser Stelle habe ich bewusst müssen geschrieben, denn einen gewissen Zeitdruck bei den Antworten spüre ich bei What's app aufgrund der blauen Haken tatsächlich. Steht im Anschluss nichts Bestimmtes an, spiele ich lieber Skat, als nichts zu tun und in mich hineinzuhorchen. Ich bin da jedoch nicht alleine, auch bei meinem Freund Ole beobachte ich die tägliche Dauerbeschäftigung mit dem Handy oder ein kurzes Handyspiel zwischendurch, wenn wir darauf warten, dass das Essen fertig wird.

„Sobald sich offene, unverplante Zeit eröffnet, greifen wir entweder zum Handy oder zum Smartphone und führen den Kreuzzug gegen die Langeweile. Machen Unterhaltungs-Daddelei, um irgendwie abgelenkt zu sein“, konstatiert der Kölner Psychologe und Marktforscher Stephan Grünewald in seinem Buch Die erschöpfte Gesellschaft.

Interessant! Ein Kreuzzug gegen die Langeweile, um eben nicht ins Nachdenken zu verfallen. Auch mir fällt es schwer mit Langeweile umzugehen. Fieberhaft versuche ich ihr zu entkommen und zermartere mir das Gehirn, was ich tun kann um nicht einfach nur herum zu sitzen. Keiner möchte heute als Langweiler bezeichnet werden oder mit dem Prädikat faul versehen werden, denn in unserer Leistungsgesellschaft, ist der Müßiggang nicht hoch angesehen. Stattdessen sind die sozialen Medien voll von Beispielen menschlicher Produktivität und Aktivität. Muße ist jedoch nicht Langeweile und auch nicht Nichtstun, daher fällt es schwer abzugrenzen, was nur Faulheit und was wertvolle Muße ist.

Alles eine Frage der Betrachtungsweise

Dennoch wird mir klar, dass auch mein Idealbild durch die sozialen Medien geprägt ist und ich beschließe es durch „Zeit für Muße zulassen“ zu erweitern. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, wie wohltuend es ist, beispielsweise in der Fastenzeit auf Facebook zu verzichten und damit zumindest einen Teil der Reizflut abzuschalten unter anderem den automatischen Vergleich mit vielen anderen. Ich nutze die Zeit, die ich mich in meinem Kreativitätsloch gefangen fühle, um meine Gedanken schweifen zu lassen und zu akzeptieren, dass ich zwar aktuell nicht produktiv bin, aber mir selber die beste Möglichkeit verschaffe, neue Ideen hervorzuzaubern. Ich suche nicht nach Reizen von außen, sondern etwas, das aus mir selbst kommt, daher nehme ich mein Handy nicht in die Hand. Gleichzeitig nehme mir den selbst auferlegten Druck, permanent kreativ zu sein und fühle mich gleichzeitig besser. Ich mache nicht nichts, sondern fahnde aktiv in meinen Gedanken nach neuen Impulsen, indem ich meine Gedanken schweifen lasse oder tagträume ohne dabei an ein spezielles Projekt zu denken. Auch wenn sich daraus nicht sofort eine tolle Idee ergibt, so übe ich mich dadurch, in mich hinein zu horchen ohne mich ineffizent zu fühlen, was für mich der Muße sehr nahe kommt. Der Artikel hat geholfen, das vermeintliche Kreativitätsloch nicht als etwas Negatives zu betrachten, sondern als ein Innehalten, eine Möglichkeit zur Achtsamkeit, um daraus Neues zu schöpfen. Auch die Kreativität braucht eine Pause, um sich neu zu erfinden.

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Geschichten für Ruth - Rezension

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