Wanderung mit einem Esel

Im Juni habe ich von meiner Freundin Helen einen Gutschein für eine Esel-Wanderung geschenkt bekommen. Einen kurzfristigen Termin haben wir leider nicht bekommen, aber Anfang September sollte es losgehen. Somit gab's genug Zeit für Vorfreude, denn ich liebe Esel und gehe sehr gerne wandern.

Samstag, den 04. September sind wir dann endlich mit dem Auto in das kleine Eifeldorf Bongard gefahren. Da ich meinem Navi nicht immer traue und folge, sind wir auf dem Hinweg zwei extra Schleifen an derselben Stelle gefahren, bevor das Navi gnädig einen alternativen Weg gefunden und uns erst nach der mir unklaren Wegschleife wieder auf die Autobahn gebracht hat. Da bin ich schon leicht ins Schwitzen geraten, was mir an diesem Tag noch mehrfach passieren sollte. Trotz des Umweges sind wir kurz nach 11 Uhr an unserem Ziel angekommen und konnten direkt mehrere Esel auf der Weide sehen, bevor wir vor einem abgelegenen alten Forsthaushaus mit wunderschöner Schiefersteinen-Fassade Petra, die Besitzerin, angetroffen haben.

Eselkunde

Forsthaus 2.jpg

Im Innenhof war bereits ein Esel namens Hans-Dieter angepflockt und wurde von einem Pärchen geputzt. Helen und ich durften uns im Esel-Stall einen unter den verbliebenen 10 Eseln aussuchen. Alle waren sehr niedlich und wollten sich streicheln lassen, einer schien geradezu erpicht darauf, mitgenommen zu werden. Ich hätte gern den braunen Esel genommen, aber der gilt als schwierig und so entschieden wir uns für den Esel, der so gern mitwollte, Jupp.

Während wir Jupp bürsteten, erzählte uns Petra ein paar Eckdaten über Esel. Sie werden u.a. schon seit 6000 Jahren von Menschen als Nutztier eingesetzt, brauchen unglaublich wenig Wasser im Vergleich zu einem Pferd und haben anders als ein Pferd keine Fettschicht unter ihrem Fell. Regen mögen Esel also nicht, was sie mir direkt sympathisch macht.

Sie können einander über 20km weit hören, daher sollten wir mit Jupp nicht denselben Weg nehmen, wie das Pärchen mit Hans-Dieter. Nachdem die Auswahl der Routen getroffen war, gab's noch ein paar Warnungen, Tricks und Verhaltensregeln mit auf den Weg. Als besonders wichtig hat sich diese herausgestellt: „den Esel nicht fressen lassen, er wird es einfordern und ihr werdet nicht mehr vorwärtskommen“. Ebenfalls nicht zu verachten die Anweisung, den Esel lieber zu motivieren als zu ziehen und zu zerren.

Eselwanderung

Schon bei ihrem Abmarsch zeigte sich der Esel des Pärchens klischeehaft stur und wollte partout nicht vom Hof gehen. Zerren und Ziehen (Druck) führt beim Esel nur zu Sturheit (Gegendruck), aber auf eine Möhre reagierte er auch nicht. Etwas ratlos standen wir alle vier um den Esel, der nicht einen Schritt nach vorne wollte. Petra hatte aber auch hierfür einen Trick parat. Sie hat den Führ-Strick hinten über den Rücken von Hans-Dieter gelegt und prompt lief dieser los.

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Wir sollten noch etwas warten, bevor wir unsere Wanderung aufnahmen, damit nicht beide Esel unsere Marschroute unter sich entschieden, wie gesagt können sie einander über weite Strecken hören. Jupp zeigte sich von Anfang an kooperativ und so wanderten wir mit vier Möhren, einer folierten Karte und einem kleinen Bilderband mit Fotos von der Wegstrecke, los. Die eine rechts, die andere links, Jupp in der Mitte, geführt an zwei Stricken. Normalerweise haben wir beide ein gutes Schritttempo, der Esel jedoch geht gemütlich mit ca. 3km/h. Es dauert etwas, bis man sein eigenes Tempo an das des Esels angepasst hat, aber es ist der einzige Weg, denn der Esel geht nicht schneller. So bleibt einem mehr Zeit, die Wanderung und die sanfte Hügellandschaft zu genießen.

Es lief ganz entspannt bis zu dem Zeitpunkt, wo wir nicht achtsam waren und Jupp den Kopf runter gerissen hat, um Gras zu fressen. Bis dahin hatten wir es ganz gut und gleichzeitig entspannt vorwärts geschafft. Fortan hat der Esel bei jeder Gelegenheit versucht, seinen Kopf zu senken und Gras zu fressen. Bei diesem Kräftemessen hat man nur eine Chance wenn man reagiert, bevor der Esel den Kopf senkt. Trotz aller Aufmerksamkeit, konnten wir es nicht verhindern, dass Jupp das ein oder andere Mal grasen konnte. Oft genug nutze er unsere Orientierungsversuche für eine Fresspause aus und wir ließen ihn gewähren. Unsere mangelnde Konsequenz hat sich postwendend gerächt. Wie prophezeit wurden die Fressintervalle unseres Begleiters immer kürzer. Die Orientierung sollten wir anhand der Bilder auch nicht wiedererlangen, aber Dank Handy waren wir auch nicht völlig verloren. Die mitgegebene Karte war mir irgendwie unverständlich, wobei ich jetzt nicht behaupten möchte, dass es an der Karte lag.

Eine tolle Erfahrung

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9,5km und vier Stunden später waren wir gut gelaunt zurück, wenn wir auch Jupp die letzten Meter mit einer hingehaltenen Möhre motivieren mussten, die restlichen Schritte nach Hause zu gehen. Das Pärchen war vor uns eingetroffen und schon wieder weg. Es ist fraglich, ob sie auch so eine schöne Wanderung hatten mit ihrem störrischen Esel. Schmunzelnd erklärte uns Petra, dass es eine mentale Sache sei, einen Esel zu führen. Die Tiere erkennen Deine Schwäche und nutzen sie zu ihrem Vorteil, so wie Hans-Dieter schnell bemerkt hat, dass das Pärchen völlig unerfahren im Umgang mit seinesgleichen war und sich zunächst eselhaft sturr zeigte.

Wir waren im Nachhinein ganz dankbar, einen freundlichen und motivierten Esel bekommen zu haben und noch dazu einen sonnigen Tag. Es war eine sehr schöne Erfahrung. Der Hof liegt wunderbar abseits am Fuße des Barsbergs und die Landschaft ist idylisch mit sanften Hügeln, Wald und Feldgebieten, sowie kleinen Dörfchen. Die Anpassung der eigenen Schrittlänge auf die unseres Begleiters führt nicht nur wortgemäß zu einer Entschleunigung, sondern auch im Kopf. Die Konzentration auf den Esel und sein Verhalten lenkt von allen anderen Problemen und Sorgen ab. Trotz seiner andauernden Fressversuche, war uns Jupp ein guter Begleiter und wir hatten viel Vergnügen bei unserer Wanderung. Ich empfehle sehr, es selbst einmal auszuprobieren.

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