Pendelbilder - Faszination und Frust

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Es ist immer wieder interessant zu sehen, was andere Menschen Kreatives schaffen. Egal ob bei Facebook, youtube oder einfach beim Stöbern im Netz, die Auswahl der Treffer, Themen und Vielfalt ist überwältigend und beeindruckend gleichermaßen. Da sollte es nicht schwer fallen, der Aufforderung, “lerne oder mache etwas Neues”, nachzukommen. Die Empfehlung habe ich aus einem Zoom-Meeting, zum Thema Motivation im Home Office (dank Corona) bekommen. Nach einer Einleitung über die allgemeinen Herausforderungen, die Corona und das Home Office uns bescheren, nannte der Moderator drei Ansätze, um der Routine und Einsamkeit des neuen Arbeitsplatzes zu entkommen und Leistung und Wohlbefinden hoch zu halten: “move - lern new - socialize”.

Da ich oft und gern spazieren gehe und regelmäßig mit meinen Lieblingsarbeitskollegen telefoniere, ohne über die Arbeit zu sprechen, fühle ich mich bei Punkt 1 und 3 recht gut aufgestellt. Etwas Neues zu lernen ist immer spannend, die vielen Möglichkeiten, die sich bieten, erschweren die Auswahl. Ich grenze es für heute auf Kunst ein und schaue ein paar Facebook Videos an. Acrylfluid ist offenbar ein Renner, ich finde tausende Beiträge. Ich bin fasziniert, von den verlaufenden Farben und dem unvorhersehbaren Ergebnis, welches sich in leuchtenden Farben zeigt. Ebenso angetan bin ich von einem Video, auf dass mein Partner mich aufmerksam macht, in dem der Künstler anhand eines Pendels mit Farbeimer Ellipsen auf sein Bild bringt. Beide Techniken sind uns neu, erscheinen jedoch einfach genug, sie ohne Vorkenntnisse umzusetzen.

Trial & Error

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Feuer und Flamme gehen wir auf den Dachboden nebenan, der als Atelier, Werkstatt und Lager dient. Die, ich nenne sie mal “Pendelbilder”, erhalten den Vorzug, da wir uns hier einen schnellen Erfolg versprechen, sieht das doch im Video kinderleicht aus. Papier und Farbe sind vorhanden, ein Seil ist schnell an dem Dachbalken angebracht. Daran befestigen wir eine leere Lackdose mit einem kleinen Loch am Boden. Jetzt noch die mit Wasser verdünnte Acrylfarbe rein, die Dose am Seil befestigen und schon kann es los gehen. Ich schwinge die Dose und wir blicken erwartungsvoll auf das Papier. Es tropft. Und tropft. Mal sind es dicke Kleckse, mal Kleine. Der Künstler im Video hat wunderbare geometrische Linien auf sein Bild gezaubert. Offenbar ist die Farbe in der Dose zu dick, also kippe ich etwas Wasser nach. Nächster Versuch, gleiches Ergebnis, nur dass sich jetzt noch das Papier wellt, da die Farbe nun zu wässrig ist.

Enttäuscht, kommen wir zu dem Schluss, dass weder die Farbe noch die Unterlage eine gute Wahl sind. Etwas Fließfähigeres an Farbe und etwas weniger Saugfähigeres als Papier, scheinen sinnvoll. Die Auswahl an Farben auf dem Dachboden ist groß und so findet sich schnell eine Lackdose. Als Malgrund nehmen wir eine beschichtete Spanplatten von 100 x 100 cm Größe. Davon haben wir noch mindestens zwanzig Stück im Lager. Sie dienten ursprünglich einmal als Bodenplatten in einem Fitnessraum und haben uns beim Bau der Wohnung gute Dienste als Wände und Regalböden geleistet. Nachdem wir die Platte am Boden ausgerichtet, und der Lackdose am Boden ein Loch verpasst haben, schwinge ich erneut. Es tropft, dann folgt eine Linie, die sich in weiteren Tropfen verliert. Langsam kommt ein Gefühl von Frust auf. Entweder das Loch ist zu klein, oder der Lack zu alt und damit nicht flüssig genug für unsere Zwecke, vielleicht stimmt auch der Druck in der Dose nicht. An der Platte liegt es jedenfalls nicht.

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Bei nächster Gelegenheit kaufen wir frische Lackfarben im Baumarkt. Nach den üblichen Vorbereitungen, setze ich erneut zum Schwung der Dose an. Zu meiner großen Freude gelangt die Farbe nun als durchgängige Linie auf die Platte. Leider habe ich den ersten Schwung etwas abweichend zur natürlichen Bewegung des Pendels geschwungen, so dass sie von der perfekten Geometrie der Pendel-Linien abweicht und damit das Gesamtbild empfindlich stört. Die dunkle Grundfarbe, ein grau-braun, der Platte gefällt mir auch nicht, denn die Lackfarbe kommt gar nicht zur Wirkung. Wir nehmen eine neue Platte und grundieren sie. Nach kurzer Zeit sieht alles trocken aus und ich wähle eine Abtönfarbe in Türkis für den Untergrund. Schnell ist die Platte mit einer kleinen Rolle gestrichen und kann erneut trocknen. Das geschieht über Nacht.

Übung macht den Meister

Am nächsten Tag stehen wir erneut bei meiner mittlerweilen türkisen Platte und befestigen eine Lackdose mit weißer Farbe am Pendel. Das Loch am Boden ist mit Zewa und Klebeband abgeklebt. Damit beim ersten Schwung nichts schief geht, decken wir die Platte zunächst mit einem großen Styroporstück ab. Ich hole tief Luft, entferne den provisorischen Stopfen und gebe der Dose einen dosierten Stoß nach rechts vorn. Wunschgemäß erscheint auf der Abdeckung eine durchgezogene Linie. Jetzt nichts Falsches tun. Schnell nimmt mein Partner die Abdeckung beiseite und wir lassen das Pendel seine Arbeit erledigen. Es schwing sich in eine Ellipsenform ein und wir beobachten staunend, wie gleichmäßig die Linien entstehen. Bevor sich die Ellipse in ihrer Mitte schließt, gilt es nun die Lackdose vom Pendel zu trennen, ohne dass die Lackdose unerwünschte Linien auf das Bild malt. Kurz vor knapp fasse ich mir ein Herz und schnappe mir die Dose, meinen Stopfen griffbereit. Zu unserer großen Freude gelingt die Aktion ohne Patzer, allerdings sieht es in türkis/weiß etwas langweilig aus. Ich lasse den Lack trocknen und wiederhole das Ganze mit dunkel blauer Lackfarbe. Die blaue Buntlackfarbe besitzt die Frechheit, nicht als durchgezogene Linie, sondern als punktierte Linie auf meinem Bild zu landen und ich schaue machtlos zu.

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Bei abschließender Betrachtung sind wir jedoch mit dem Gesamtergebnis für heute sehr zufrieden. Top motiviert grundieren und streichen wir weitere Platten, um das Pendel darüber zu schwingen. Die Ergebnisse sind -nun ja- unterschiedlich. Nicht immer fließt der Lack, wie er soll, einige Male verpatzen wir die Abnahme der Dose trotz aller Vorsicht und verunstalten die Geometrie kurz vor Vollendung des Bildes mit unschönen Farbflecken. Auch stellen wir fest, dass es minimale Abweichungen in unseren Stößen geben muss, denn die Ellipsen variieren in ihrer Größe. Wir verändern die Lage der Platte und versuchen anhand der Spuren vorheriger Schwünge auf dem Boden die gleiche Ellipse zu treffen. Hier macht uns das Pendel überrasschend einen Strich durch die Rechnung. Den Ellipsenteil, den wir am Rande der Platte erwartet haben, erscheint außerhalb auf dem abgedeckten Boden und dort wo wir es geplant haben, entsteht ein ganz anderer Teil der Ellipse. Es bleibt spannend, macht uns aber trotz Frust und Überraschungen großen Spaß, denn einige Bilder gelingen uns ganz wunderbar. Ich empfinde nicht nur Freude, sondern auch Stolz, ist mir im Schaffensprozess doch aufgegangen, dass es nur vermeintlich leicht ist, ein schönes Pendelbild zu schaffen.



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